Sextortion: Wenn intime Fotos zur Erpressung werden
Wie Sextortion beim Online-Dating abläuft, an welchen Mustern man den Betrug frühzeitig erkennt und welche Schritte helfen, wenn es bereits passiert ist.

Eine Nachricht, die mir häufiger geschildert wird, als mir lieb ist, beginnt fast immer gleich: „Es hat alles ganz normal angefangen.“ Ein Match auf einer Dating-Plattform oder in sozialen Medien, ein paar Tage netter Austausch, dann ein Wechsel zu einem Videoanruf. Und dann, oft innerhalb weniger Minuten nach einer intimen Aufnahme, die Wendung: eine Nachricht mit einem Screenshot und der Forderung nach Geld, sonst werde alles an Familie, Arbeitgeber und Kontaktliste verschickt. Die Beträge, die dabei gefordert werden, reichen von wenigen hundert bis zu mehreren tausend Euro, je nachdem, wie viel die Täter der jeweiligen Person zutrauen.
Diese Betrugsform heißt Sextortion, ein Kunstwort aus Sex und Extortion, dem englischen Begriff für Erpressung. Sie trifft Menschen jeden Alters und jeden Geschlechts, wird aber nur sehr selten wirklich offen besprochen, weil Scham eine der wirksamsten Waffen der Täter überhaupt ist.
In meiner Arbeit als Redakteur für Datenschutz und Sicherheit bekomme ich solche Schilderungen regelmäßig zugeschickt, oft anonym, oft mit der Bitte, in einem Artikel darauf hinzuweisen, damit anderen dasselbe erspart bleibt. Genau das ist der Anlass für diesen Text: eine nüchterne Beschreibung dessen, wie diese Masche funktioniert, welche Warnzeichen es gibt und was tatsächlich hilft, wenn es bereits passiert ist. Keine dramatisierende Warnung, sondern eine praktische Einordnung, die Betroffenen und ihrem Umfeld gleichermaßen weiterhelfen soll.
Wie ein typischer Sextortion-Fall abläuft
Der Ablauf folgt in den meisten Fällen einem erkennbaren Muster, das sich über zahlreiche geschilderte Fälle hinweg immer wieder in ähnlicher Form zeigt. Zunächst wird über eine Dating-App oder ein soziales Netzwerk Kontakt aufgebaut, oft mit einem attraktiven, professionell wirkenden Profil. Das Gespräch entwickelt sich auffällig schnell in eine persönliche, vertraute Richtung, oft schneller, als es bei einem echten Kennenlernen üblich wäre.
Anschließend wird vorgeschlagen, das Gespräch auf einen Videochat zu verlagern, häufig über eine App außerhalb der ursprünglichen Plattform. Während dieses Anrufs kommt es zu einer intimen Situation, die von der Gegenseite heimlich aufgezeichnet wird. Kurz darauf folgt der Umschwung: Aus der vermeintlichen Bekanntschaft wird eine Erpressung, oft begleitet von einem Screenshot aus der Aufnahme als Beweis, dass die Drohung ernst gemeint ist.
Auffällig ist dabei die Geschwindigkeit, mit der sich diese Fälle entwickeln. Zwischen dem ersten Kontakt und der ersten Forderung liegen häufig nur wenige Tage, manchmal sogar nur Stunden. Diese auffällige Eile ist ganz gewiss kein bloßer Zufall, sondern ein fester Teil der Methode: Je weniger Zeit zum Nachdenken bleibt, desto eher lässt sich eine Person zu einer intimen Aufnahme bewegen, bevor sie die Situation kritisch hinterfragt.
Sextortion ist deshalb so wirksam, weil sie zwei starke Gefühle gleichzeitig auslöst: Scham und Zeitdruck. Die Täter setzen meist eine kurze Frist, oft nur wenige Stunden, innerhalb derer gezahlt werden soll. Diese Kombination führt dazu, dass Betroffene aus einer Kurzschlussreaktion heraus handeln, statt sich Zeit zu nehmen, um die Situation in Ruhe einzuordnen. Genau diese Ruhe ist aber der wichtigste erste Schritt in jeder solchen Situation, auch wenn sie sich im Moment kaum aufbringen lässt.
Hinzu kommt die Angst vor dem sozialen Ansehen. Anders als bei anderen Betrugsformen zögern viele Betroffene, sich Familie, Freunden oder der Polizei anzuvertrauen, weil sie befürchten, dass allein die Existenz solcher Aufnahmen sie in ein schlechtes Licht rückt. Genau diese Angst nutzen Täter gezielt aus, denn wer schweigt, ist leichter unter Druck zu setzen.
Ein weiterer Faktor, der die Wirkung verstärkt, ist die Professionalität, mit der viele dieser Täter vorgehen. Häufig handelt es sich um organisierte Gruppen, die nach einem festen Skript vorgehen und mehrere Kontakte gleichzeitig betreuen. Die Nachrichten wirken persönlich, sind aber oft standardisiert und lediglich an Name und Details des jeweiligen Profils angepasst. Diese Professionalisierung erklärt, warum die Masche über Jahre erfolgreich bleibt, obwohl sie mittlerweile relativ bekannt ist, denn Bekanntheit allein schützt niemanden, solange die eigene Situation im Moment des Geschehens als Ausnahme statt als Beispiel dieses bekannten Musters wahrgenommen wird.
Warum eine Zahlung das Problem fast nie löst
Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus dokumentierten Fällen ist, dass eine Zahlung selten das Ende der Forderungen bedeutet. Wer einmal zahlt, zeigt den Tätern, dass die Drohung wirkt und dass Geld zu holen ist. In vielen Fällen folgen danach weitere Forderungen, oft mit höheren Summen, weil die Täter davon ausgehen, dass die Zahlungsbereitschaft weiterhin besteht. In dokumentierten Beratungsfällen berichten Betroffene teilweise von drei, vier oder noch mehr aufeinanderfolgenden Zahlungen, jeweils begleitet von der erneuten Zusicherung, dies sei nun wirklich die letzte Forderung, eine Zusicherung, die sich fast nie als verlässlich erweist.
Diese Logik unterscheidet Sextortion nicht grundsätzlich von anderen Erpressungsformen, macht die Entscheidung, nicht zu zahlen, aber nicht weniger schwer. Wichtig zu wissen ist, dass eine Veröffentlichung der Aufnahmen in der Praxis seltener eintritt, als die Drohung es suggeriert, weil sie den Tätern selbst keinen weiteren finanziellen Nutzen mehr bringt, sobald sie tatsächlich erfolgt ist und die Drohung damit ihre eigentliche Wirkung verliert.
Diese Einschätzung soll die Drohung nicht verharmlosen, denn in Einzelfällen werden Aufnahmen tatsächlich veröffentlicht, etwa aus Verärgerung über eine verweigerte Zahlung. Sie soll vor allem der weitverbreiteten und hartnäckigen Annahme entgegenwirken, eine Zahlung sei der sichere und schnelle Weg, eine Veröffentlichung wirksam zu verhindern. Diese Annahme trifft in der Praxis nicht zu und führt stattdessen häufig in eine Spirale aus immer neuen Forderungen.
Warnzeichen, die frühzeitig auffallen können
Bestimmte Verhaltensmuster im Vorfeld können auf eine geplante Sextortion hindeuten, auch wenn keines davon für sich allein ein sicherer Beweis ist:
- Das Gespräch entwickelt sich auffällig schnell in eine sehr persönliche oder intime Richtung
- Es wird früh und gezielt auf einen Wechsel zu einer Videochat-App außerhalb der ursprünglichen Plattform gedrängt
- Das Profil zeigt ausschließlich professionell wirkende Fotos, oft mit auffällig wenigen persönlichen Details
- Es gibt eine auffällige Diskrepanz zwischen den angegebenen Ortsangaben und der Zeitzone, in der die Person tatsächlich aktiv zu sein scheint
- Der Kontakt drängt darauf, die Unterhaltung von der Dating-Plattform in eine schwerer nachverfolgbare App zu verlagern
- Komplimente und Zuneigungsbekundungen wirken übertrieben intensiv und kommen ungewöhnlich früh im Gespräch
- Auf Nachfragen zu überprüfbaren Details, etwa einem gemeinsamen Videoanruf mit einer dritten Person, wird ausweichend reagiert
Wer solche Muster bei sich selbst wiedererkennt, sollte nicht in Panik verfallen, aber die Situation bewusster beobachten und im Zweifel den Kontakt frühzeitig beenden. Wie man Fake-Profile generell erkennt, die auch für andere Betrugsformen genutzt werden, beschreibt der Artikel Artikel über das Erkennen von Fake-Profilen.
Ein weiteres Warnzeichen zeigt sich im Kommunikationsstil selbst. Wer merkt, dass Antworten auffällig schnell und rund um die Uhr kommen, auch zu ungewöhnlichen Zeiten, sollte das als Hinweis werten, dass möglicherweise mehrere Gespräche parallel geführt werden oder standardisierte Textbausteine zum Einsatz kommen. Auch eine auffällige sprachliche Unstimmigkeit, etwa ein angeblich lokaler Wohnort bei gleichzeitig ungewöhnlichen Formulierungen oder Übersetzungsfehlern, kann ein Hinweis auf ein gefälschtes Profil sein. Wer solche Details bemerkt, sollte sie ernst nehmen und als Teil eines größeren Bildes betrachten, das sich erst aus mehreren kleinen Auffälligkeiten zusammen wirklich zusammensetzt.
Warum auch Videoanrufe kein sicherer Rückzugsort sind
Ein verbreiteter Irrglaube ist, dass Videoanrufe sicherer seien als das Verschicken von Fotos, weil ja kein Foto abgespeichert wird. Tatsächlich lässt sich fast jeder Bildschirminhalt mit einer zweiten Aufnahmequelle mitschneiden, etwa mit einem weiteren Gerät oder einer Bildschirmaufnahme-Software, ohne dass die aufgenommene Person davon etwas mitbekommt. Ein Hinweis auf dem Bildschirm, dass eine Aufnahme läuft, ist bei den meisten Apps keine verlässliche Garantie, weil sich solche Anzeigen umgehen lassen.
Der einzige wirklich verlässliche Schutz liegt deshalb nicht in der Wahl des Mediums, sondern in der Zurückhaltung bei intimen Inhalten gegenüber Personen, die man ausschließlich online kennt und deren Identität nicht überprüfbar ist.
Ein häufiges Missverständnis betrifft außerdem Apps, die sich selbst als besonders sicher oder privat bewerben, etwa durch verschlüsselte Chats oder automatisch löschende Nachrichten. Diese Funktionen schützen zwar vor einem nachträglichen Zugriff Dritter auf die Kommunikation, verhindern aber nicht, dass die Gegenseite während des Gesprächs selbst eine Aufnahme anfertigt. Die technische Sicherheit einer App sagt damit wenig darüber aus, ob sich die Person am anderen Ende vertrauenswürdig verhält. Wer sich allein auf die Werbeversprechen einer App zu Sicherheit und Diskretion verlässt, verwechselt technischen Datenschutz mit menschlichem Vertrauen, zwei Dinge, die unabhängig voneinander bestehen.
Was zu tun ist, wenn eine Erpressung bereits läuft
Wer bereits eine Erpressungsnachricht erhalten hat, sollte in einer bestimmten Reihenfolge handeln. Zuerst gilt es, jede weitere Kommunikation mit der erpressenden Person einzustellen, denn jede Reaktion, auch eine verhandelnde, liefert neue Ansatzpunkte für weiteren Druck. Gleichzeitig sollten alle Nachrichten, Screenshots und Profildaten gesichert werden, bevor der Kontakt blockiert wird, da diese Informationen für eine spätere Anzeige wichtig sind.
Wichtig ist dabei, die Sicherung sorgfältig vorzunehmen: vollständige Screenshots des Profils, der Chatverläufe und der Forderung selbst, mit sichtbarem Datum und, wenn möglich, dem Benutzernamen oder der Nummer des Kontakts. Diese Sorgfalt zahlt sich später aus, wenn die Polizei die Ermittlungen aufnimmt, auch wenn eine Identifizierung der Täter in vielen Fällen schwierig bleibt, weil sie häufig aus dem Ausland und über anonymisierte Kanäle agieren. Trotzdem ist die Anzeige kein vergeblicher Aufwand, denn sie schafft eine offizielle, dokumentierte Grundlage, auf die sich spätere Schritte stützen lassen, etwa gegenüber Banken, Plattformbetreibern oder Versicherungen.
Der nächste Schritt ist eine Anzeige bei der Polizei. Sextortion ist eine Straftat, unabhängig davon, ob bereits gezahlt wurde oder nicht, und die Polizei ist mit dieser Betrugsform inzwischen vertraut. Parallel dazu lohnt sich eine Meldung an die betroffene Plattform über deren Meldefunktion, damit gefälschte Profile und mögliche Inhalte entfernt werden können.
Wichtig zu wissen ist außerdem, dass eine Anzeige auch dann sinnvoll ist, wenn bereits gezahlt wurde oder wenn Aufnahmen bereits geteilt wurden. Eine begangene Straftat wird nicht dadurch weniger relevant, dass sie bereits Folgen hatte. Im Gegenteil hilft eine Anzeige in solchen Fällen oft dabei, weitere Schritte einzuleiten, etwa die Löschung veröffentlichter Inhalte über die jeweiligen Plattformen zu beschleunigen.
Warum Schweigen die Situation meist verschlimmert
Der Impuls, mit niemandem darüber zu sprechen, ist verständlich, verstärkt aber häufig genau das, was die Täter beabsichtigen. Wer sich frühzeitig einer Vertrauensperson öffnet oder professionelle Unterstützung sucht, verringert den psychischen Druck erheblich, weil die Erpressung dann nicht mehr allein getragen werden muss.
In Beratungsgesprächen, von denen mir immer wieder berichtet wird, zeigt sich ein ähnliches Bild: Sobald die Situation einmal ausgesprochen ist, verliert sie einen Großteil ihrer lähmenden Wirkung. Das liegt daran, dass die Erpressung gezielt auf Isolation setzt, auf das Gefühl, mit dieser Sache ganz allein dazustehen. Sobald eine zweite Person eingeweiht ist, verschiebt sich diese Dynamik spürbar, selbst wenn sich an der eigentlichen Bedrohung zunächst nichts ändert.
Auch das familiäre oder berufliche Umfeld reagiert in der Praxis häufig verständnisvoller, als die Betroffenen befürchten, insbesondere wenn deutlich wird, dass sie selbst Opfer einer gezielten Straftat geworden sind und nicht leichtfertig gehandelt haben. Wer sich in dieser Situation überfordert fühlt, kann sich rund um die Uhr kostenlos an die Telefonseelsorge wenden, erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.
Warum rechtliche Schritte auch international Sinn ergeben
Ein häufiger Einwand lautet, eine Anzeige bringe nichts, weil die Täter ohnehin meist im Ausland sitzen und nicht greifbar sind. Dieser Einwand ist teilweise berechtigt, ändert aber nichts an der Sinnhaftigkeit einer Anzeige. Polizeibehörden sammeln Fälle, erkennen Muster über mehrere Anzeigen hinweg und arbeiten in bestimmten Fällen auch international zusammen, etwa wenn sich größere, organisierte Gruppen identifizieren lassen. Ein einzelner Fall führt selten sofort zu einer Festnahme, trägt aber zu einem größeren Lagebild bei, das langfristig auch anderen Betroffenen hilft. Wiederkehrende Muster in mehreren Anzeigen, etwa dieselben Kontodaten oder dieselben Formulierungen in den Drohnachrichten, ermöglichen es Ermittlungsbehörden, einzelne Fälle zu größeren Gruppen zusammenzufassen und mit mehr Ressourcen zu verfolgen, als es bei einem isolierten Einzelfall möglich wäre.
Darüber hinaus ist eine Anzeige auch dann sinnvoll, wenn keine strafrechtliche Verfolgung der Täter zu erwarten ist, weil sie die Grundlage für weitere Schritte bildet, etwa für die Zusammenarbeit mit Plattformen bei der Entfernung von Inhalten oder für eine spätere Absicherung, falls die Angelegenheit doch weitere Kreise zieht.
Die Rolle der Plattformen bei der Prävention
Seriöse Dating-Plattformen setzen zunehmend auf Mechanismen, die Sextortion erschweren sollen, etwa eine Verifizierung von Profilen oder Warnhinweise, wenn ein Gespräch auffällig schnell in eine intime Richtung geht. Diese Maßnahmen bieten keinen vollständigen Schutz, verringern aber das Risiko, weil sie zumindest einen Teil der auffälligen Muster automatisiert erkennen.
Manche Plattformen setzen zusätzlich auf eine Verifizierung per Ausweis oder Videoabgleich, um sicherzustellen, dass hinter einem Profil tatsächlich die abgebildete Person steht. Das erschwert es Tätern, mehrere gefälschte Profile parallel zu betreiben, verhindert aber nicht, dass ein einmal verifiziertes Konto später missbraucht wird, etwa wenn Zugangsdaten gestohlen oder weiterverkauft werden. Verifizierung ist damit ein sinnvoller Baustein, aber keine vollständige Absicherung.
Wie eine Plattform grundsätzlich mit den Daten ihrer Nutzenden umgeht und wie leicht sich ein Konto im Ernstfall löschen lässt, ist ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl. Mehr dazu steht im Artikel Artikel über Datenschutz beim Online-Dating.
Nutzerinnen und Nutzer können diese Präventionsarbeit ergänzen, indem sie verdächtige Profile aktiv über die Meldefunktion an den Betreiber weitergeben, auch wenn sie das auffällige Verhalten lediglich beobachtet und selbst keinen Kontakt aufgenommen haben. Solche Meldungen fließen häufig in automatisierte Erkennungssysteme ein und tragen dazu bei, ähnliche Profile schneller zu identifizieren, bevor weitere Personen betroffen sind. Diese Form der gegenseitigen Aufmerksamkeit innerhalb einer Plattform kann im Kleinen bewirken, was einzelne Sicherheitsfunktionen allein nicht leisten können.
Warum jüngere und ältere Nutzende unterschiedlich betroffen sind
Statistisch tauchen in öffentlichen Warnungen von Verbraucherzentralen und Polizeibehörden immer wieder zwei Gruppen besonders häufig auf: jüngere Menschen, die über soziale Netzwerke angesprochen werden, und ältere Menschen, die auf klassischen Dating-Plattformen unterwegs sind und denen häufig eine langfristige, romantische Beziehung vorgetäuscht wird, bevor die Erpressung beginnt. Beide Gruppen eint, dass Vertrauen gezielt und über einen gewissen Zeitraum aufgebaut wird, bevor die eigentliche Absicht sichtbar wird.
Diese Vorgehensweise unterscheidet sich kaum von klassischem Romance Scam, bei dem finanzielles Vertrauen statt intimer Aufnahmen ausgenutzt wird. Die Grundmechanik, nämlich eine schnell aufgebaute emotionale Nähe als Werkzeug zu nutzen, ist in beiden Fällen dieselbe.
Bei jüngeren Zielgruppen kommt ein zusätzlicher Aspekt hinzu: der soziale Druck innerhalb von Freundeskreisen und Schulklassen. Die Drohung, Aufnahmen an Mitschülerinnen und Mitschüler zu verschicken, trifft in diesem Alter oft besonders empfindlich, weil das soziale Umfeld dort noch enger und weniger anonym ist als im Erwachsenenleben. Eltern und Bezugspersonen sollten deshalb wissen, dass Scham hier keine Kleinigkeit ist, sondern für Jugendliche eine der größten vorstellbaren Bedrohungen darstellen kann, und entsprechend einfühlsam statt vorwurfsvoll reagieren sollten, wenn sich ein Kind oder Jugendlicher in einer solchen Lage offenbart. Eine vorwurfsvolle erste Reaktion, so verständlich der Schreck auch sein mag, verschließt oft genau den Zugang, den ein Kind in diesem Moment am dringendsten braucht.
Bei älteren Zielgruppen wiederum spielt oft eine längerfristig aufgebaute, vermeintlich romantische Beziehung eine Rolle, bei der die Erpressung erst nach Wochen oder Monaten des Vertrauensaufbaus einsetzt. Diese Fälle ähneln damit strukturell dem klassischen Romance Scam, bei dem statt intimer Aufnahmen zunächst finanzielles Vertrauen aufgebaut und ausgenutzt wird, bevor eine zweite Ebene der Ausbeutung hinzukommt, was diese Fälle für die Betroffenen oft doppelt schmerzhaft macht, weil neben dem finanziellen und seelischen Schaden auch das Gefühl bleibt, über einen langen Zeitraum bewusst getäuscht worden zu sein.
Wie man das Risiko realistisch einschätzt, ohne misstrauisch zu werden
Es wäre übertrieben, jeden neuen Kontakt auf einer Dating-Plattform unter Generalverdacht zu stellen. Die überwiegende Mehrheit der Gespräche verläuft ohne jede betrügerische Absicht. Sinnvoll ist stattdessen ein gesundes Grundmaß an Vorsicht: Identität nicht blind voraussetzen, bei ungewöhnlich schnellem Fortschritt des Gesprächs innehalten, und bei intimen Inhalten grundsätzlich zurückhaltend sein, solange die Identität der anderen Person nicht auf andere Weise bestätigt ist.
Diese Vorsicht schützt nicht nur vor Sextortion im engeren Sinn, sondern auch vor verwandten Betrugsformen, die auf ähnliche Weise Vertrauen ausnutzen. Wer sich einen Überblick über vertrauenswürdige Plattformen verschaffen möchte, findet eine Einordnung unter /vergleich.
Ein gesundes Grundmaß an Vorsicht bedeutet auch, dass man das eigene Bauchgefühl ernst nimmt. Wer während eines Gesprächs ein diffuses Unbehagen verspürt, obwohl sich auf den ersten Blick nichts Konkretes benennen lässt, sollte diesem Gefühl nachgehen, statt es beiseitezuschieben. Viele Betroffene berichten im Nachhinein, dass ihnen schon vorher etwas seltsam vorkam, sie diesen Eindruck aber aus Höflichkeit oder aus Angst, überreagiert zu wirken, ignoriert haben.
Was Plattform-Betreiber und Gesetzgeber bereits unternehmen
Die Verbreitung von Sextortion hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass sich sowohl Plattformbetreiber als auch Behörden stärker mit dem Thema befassen. Meldestellen für digitale Gewalt haben sich in vielen Regionen etabliert und bieten neben rechtlicher Einordnung auch praktische Unterstützung bei der Entfernung von Inhalten aus dem Netz an. Solche Stellen ergänzen die klassische Anzeige bei der Polizei, weil sie oft schneller reagieren können, wenn es um die Löschung konkreter Inhalte geht.
Auch technische Werkzeuge haben sich weiterentwickelt. Manche Organisationen bieten inzwischen Verfahren an, mit denen sich ein digitaler Fingerabdruck eines intimen Bildes erstellen lässt, ohne das Bild selbst hochladen zu müssen. Über diesen Fingerabdruck lässt sich anschließend automatisiert erkennen, wenn dasselbe Bild versucht wird, auf teilnehmenden Plattformen hochzuladen, und der Upload wird verhindert, bevor er überhaupt öffentlich sichtbar wird. Diese Technik ersetzt keine Anzeige, ergänzt aber die verfügbaren Mittel sinnvoll, gerade weil sie präventiv wirkt, also bereits vor einer möglichen Veröffentlichung ansetzt, statt erst im Nachhinein auf einen bereits eingetretenen Schaden zu reagieren.
Was am Ende bleibt
Sextortion lebt von Schweigen, Zeitdruck und der Angst vor Bloßstellung. Wer diese drei Hebel kennt, kann ihnen gezielt begegnen: keine Zahlung, keine weitere Kommunikation mit den Tätern, dafür Beweise sichern, Anzeige erstatten und sich jemandem anvertrauen. Kein Betroffener hat sich diese Situation jemals selbst zuzuschreiben, ganz gleich, wie das Gespräch ursprünglich begonnen hat und wie freiwillig die erste Aufnahme im Rückblick erschien. Verantwortlich ist ausschließlich, wer eine private Situation gezielt aufgezeichnet hat, um sie als Druckmittel zu missbrauchen.
Wer diesen Text liest, weil eine solche Situation gerade akut ist, sollte sich vor allem eines vor Augen halten: Diese Erfahrung, so belastend sie ist, lässt sich bewältigen, und es gibt Wege heraus, die nicht über eine Zahlung führen. Der erste Schritt ist selten der einfachste, aber fast immer der wichtigste: mit jemandem darüber sprechen, sei es eine Vertrauensperson, die Polizei oder eine Beratungsstelle. Von dort aus lassen sich die weiteren Schritte in Ruhe angehen, statt sie allein und unter dem Druck einer tickenden Uhr treffen zu müssen. Die Frist, die eine Erpressungsnachricht setzt, ist erfunden und dient allein dem Druckaufbau, sie hat keinerlei rechtliche oder technische Grundlage, an die man sich halten müsste.
Häufige Fragen
Was ist Sextortion genau?
Eine Betrugsform, bei der Täter intime Fotos, Videos oder Chatverläufe nutzen, um Opfer mit deren Veröffentlichung zu erpressen, meistens gegen Geld. Häufig entstehen die Aufnahmen im Rahmen eines vermeintlichen Kennenlernens über eine Dating-Plattform oder soziale Medien.
Sollte ich auf die Forderung eingehen und zahlen?
Nein. Eine Zahlung ist keine Garantie, dass die Aufnahmen nicht trotzdem verbreitet werden, sondern erfahrungsgemäß eher ein Anlass für weitere Forderungen. Wichtiger ist, den Kontakt zu beenden, Beweise zu sichern und sich an die Polizei zu wenden.
Wie kann ich mich von vornherein schützen?
Zurückhaltung bei intimen Aufnahmen mit Personen, die man nur online kennt, ist der wirksamste Schutz. Auch Videoanrufe können aufgezeichnet werden, ohne dass man es bemerkt, deshalb schützt allein das Fehlen eines Fotos nicht zuverlässig.
Was mache ich, wenn bereits Aufnahmen von mir in Umlauf sind?
Screenshots und Nachrichtenverläufe als Beweise sichern, Anzeige bei der Polizei erstatten und die betroffene Plattform über die Meldefunktion informieren, damit die Inhalte entfernt werden können. Bei starker seelischer Belastung hilft zusätzlich professionelle Unterstützung.
Zuletzt aktualisiert am 24. September 2026




